2013
01.09

„Willkommen zu Hause“ – Die 20 Jahre Clubgeschichte der Distillery zu Leipzig. Die Dokumentation kommt am 7. September 2013 in die Kinos und zeigt den Mikrokosmos der Leipziger Club-Legende. Veranstalter, DJs und Partygästen kommen in exklusiven Interviews zu Wort. Er zeigt vor allem aber eines: Die Distillery ist mehr als nur eine Partylocation – sie ist ein Wohnzimmer mit Familienanschluss, ein Schutzraum für musikalische Experimente, eine Parallelwelt mit bezaubernden Nächten. Wir freuen uns auf ein Interview mit Janine Göhring, die zusammen mit Stefan Leuschel (Regie) sowie Benedikt Fitzke & Johannes Amm (Kamera) den Film realisiert hat.

Janine GöhringGlückwunsch! 20 Jahre Distillery – Die 102-minütige Dokumentation ist vollendet und wird in den nächsten Tagen in den Kinos aufgeführt. Janine, stell dich kurz mal vor und was ist deine Rolle bei der Produktion des Distille Films?

Unser Filmteam besteht aus insgesamt vier Leuten, d.h. neben mir arbeiten Stefan Leuschel, Johannes Amm und Benedikt Fitzke am Projekt. Zu meinen Aufgaben zählt die Redaktion und Produktion, die Regie haben Stefan und ich gemeinsam geführt. Stefan ist außerdem verantwortlich für den Schnitt sowie alle bewegten Grafiken. Johannes und Benedikt sind beide als Kameramänner im Boot. Hauptberuflich sind wir alle als Freelancer für TV-Produktionen tätig. In den vergangenen 18 Monaten haben wir einen Großteil unserer Freizeit damit verbracht, die Dokumentation auf die Beine zu stellen.

Ein ganzes Team aus zahlreichen Leuten und Supportern sind maßgeblich am Entstehen der Doku beteiligt. Wer hatte die Idee und was war genau der Hintergrund und Auslöser, die Idee einer Dokumentation in die Realität umzusetzen?

Die Idee zum Film hatte ich im Sommer 2011. Stefan, Johannes und Benedikt waren sofort mit im Boot, als ich sie angesprochen habe. Zu viert haben wir dann im Herbst 2011 erste Ideen entwickelt, die Dreharbeiten begannen dann Anfang 2012 und fanden in den folgenden zwölf Monaten regelmäßig statt. Zwar hatten wir von Anfang an ein Drehbuch, doch der Film ist während dieser langen Zeitspanne ständig gewachsen: die Interviews holten viele neue Fakten zu Tage, neue Protagonisten tauchten auf, bis dato unbekannte Fotos oder Videos wurden uns übermittelt. Gewachsen ist auch der Stamm der Unterstützer und Helfer. Durch unsere Entscheidung im vergangenen Jahr, die Filmproduktion über eine Vision Bakery-Auktion zu finanzieren, hatten wir plötzlich nicht nur Geldgeber, sondern auch viele tatkräftige Fürsprecher, die kostenfrei mitgearbeitet haben oder Equipment kostenlos bzw. für kleines Geld zur Verfügung stellten. Die Umsetzung war letztendlich ein Prozess, der insgesamt zwei Jahre gedauert hat. Heute halten wir endlich den fertigen Film in den Händen.

Distillery BarWar es einfach für euch, die wichtigen Club-Protagonisten der damaligen Stunde z.B. den Türsteher „Banane“ ausfindig zu machen?

Das Interview mit Banane war nach Steffen Kache unser zweites Interview überhaupt. Steffen war von Beginn an unser Hauptprotagonist. Kontakt mit allen anderen aufzunehmen, z.B. mit Banane, war nicht schwierig. Und alle, auch Banane, haben sofort zugesagt. Ich kann mich noch heute erinnern, wie gespannt und neugierig wir nach Berlin zu Banane gefahren sind. Es war ein beeindruckender Tag mit schönen Gesprächen, der noch lang bei uns nachhallte. Wir sind mit einem guten Gefühl wieder gefahren. Später erging es uns ganz genauso mit vielen anderen Protagonisten.

War es schwer, die Leute zum Reden zu animieren über eine doch längst vergangene Zeit bis dato?

Wir hatten bei allen Protagonisten das Gefühl, offene Türen einzurennen. Sie haben gern aus alten Zeiten berichtet, gemeinsam mit uns Anekdoten ausgegraben, sich manchmal nach vielen Jahren das erste Mal wieder intensiv mit ihren Jahren in der Distillery auseinander gesetzt. Uns haben die Interviewtermine nicht nur großen Spaß gemacht, es war auch sehr interessant! Wann hat man schon die Möglichkeit, so viele neugierige Fragen zu stellen?! Vor allen Dingen auch, weil ich in den Anfangsjahren nicht dabei war – dementsprechend spannend war es auch! Und oftmals haben wir – gerade bei den ehemaligen Gründern oder Stammgästen – Erinnerungen aufgewühlt, die sie selbst fast vergessen hatten. Die Interviews waren lustig, aber auch streckenweise sehr emotional. Leuchtende Augen bei Interviewpartner, Gänsehaut beim Erzählen – das alles hatten wir dabei. Sehr schön war es.

KameraUnglaublich war es ja, das innerhalb nach Erscheinen des Trailers im Jahre 2012, der Zuspruch und die Aufmerksamkeit in die Höhe schnippte, und ihr binnen weniger Zeit das benötigte Geld via Crowdfunding bekommen habt. Habt ihr jemals damit gerechnet, daß ihr auf soviel Zuspruch stößt?

Nein, auf keinen Fall. Wir waren uns zwar sicher, dass es Leute geben wird, die den Film schauen wollen. Aber so immens viele Unterstützer haben wir nicht erwartet. Am ersten Tag der Auktion schlug uns das Herz bis zum Hals, jede Stunde haben wir ungläubig die Auktion angeklickt und wieder neue Unterstützer gezählt. Jeder von uns konnte es kaum fassen. Nach ungefähr 24 Stunden, am folgenden Tag abends, hat mich Stephan Popp von der Vision Bakery auf dem Handy angeklingelt, selbst ganz begeistert, und verkündet, dass unser Projekt finanziert ist. Dann ging es noch weiter. Und wir sind über jeden Euro dankbar, das Geld ist nötig. Wir geben es gerade mit viel Bedacht aus, sparen, wo wir nur können, damit es bis zum Ende der Filmproduktion reicht. Die Summe ist ungefähr ein Zehntel eines normalen Filmbudgets, deshalb zählen wir immer noch zu den Low-Budget-Filmen.

Was habt ihr im Laufe dieses Jahres noch alles in der Postproduktion der Doku vorgenommen?

Der Film hat nun einen professionellen Kinosound dank den beiden Sounddesignern und Kinoton-Spezialisten Kai Tebbel und Thomas Kalbér, die ohne Geld in Rechnung zu stellen, unser Projekt unter ihre Fittiche genommen haben. Außerdem wird der Film für kleines Geld professionell farbkorrigiert von Kay Dombrowky und Enrico Wittich, beide arbeiten normalerweise für Kino- und TV-Produktionen. Dann haben wir, dank der Spezialkenntnisse unseres Teammitglieds Stefan, viele bewegte Grafiken und Zeitraffer im Film – ein eigener Look, der unseren Film unverwechselbar macht. Aufgrund dieser Arbeiten können wir uns bild- und soundtechnisch gut und gern mit anderen großen Produktionen messen.

DistilleryBei der Recherche zum Film gab es bestimmt seltene und lustige Begebenheiten. Erinnerst du dich an einen ganz besonderen Zufall, der euch überrascht hat?

Vor allem die Foto-und Videorecherche hat unsere Zeit beansprucht. Wir waren von Anfang an sicher, dass auf diversen Dachböden oder in manchen Umzugskisten noch Schätze schlummern müssen – doch wo?. Und tatsächlich: nach langem Rumfragen und durch glückliche Zufälle haben sich – neben vielen anderen Video- und Foto-Schätzen – zwei ganz besondere Schmankerl angefunden: Aufnahmen von der Eröffnungsparty der alten Distillery und ein VHS- Mitschnitt einer Westbam-Party bei Torgau mit tollen Raver-Outfits und bombastischem Strobo. Diese Tapes und alle Videos über die Rathaus-Demos sind unser Goldstaub in der Doku.

Janine GöhringWenn du die Distillery in einem Satz beschreiben müsstest: wie würde dieser Satz lauten?

Schwere Frage. Eine Partyinstanz in Leipzig, an der niemand vorbei kommt.

Die Freude am Tanzen DJ Posse aus Jena hatte immer sehr viel Spass von Beginn an im Club. An welche Abende erinnerst du dich besonders und welche haben dich musikalisch nachhaltig geprägt?

Seit Ende der 90er bzw. Anfang der 00er Jahre gehen wir alle in die Distillery und sind bis heute Stammgäste. Wir haben einen Teil unserer Jugend dort erlebt, sind mit der Distillery erwachsen geworden und haben dort viele Leute kennengelernt, die heute zu unseren Freundeskreisen zählen. Die Tille ist quasi ein fester Baustein in unserem Leben, auch wenn wir heute nicht mehr jedes Wochenende dort tanzen.

Gore BananeDepeche Mode besuchten ja aus heiterem Himmel die Distillery auf ihren Besuch in Leipzig. Dieser Moment wird in der Doku als „magisches Ereignis“ dargestellt, wo einige heute noch leuchtende Augen bekommen. Warst du selber vor Ort an diesem Abend und wie waren die Reaktionen der Interviewpartner auf diese Frage?

Ich selbst war leider an dem Abend nicht da, aber die ehemaligen Gründer haben sich minutiös erinnert. Kleine Krux, es existiert nur ein Foto. Sonst nichts. Wir haben die Geschichte trotzdem erzählt und können sogar mit einer kleinen Überraschung im Film aufwarten, denn niemand geringeres als Martin Gore hat ein paar Worte zu diesem denkwürdigen Abend in einem Radio-Interview verloren. Wir haben das Interview natürlich in den Film eingebaut, ein schönes Detail!

Gore BananeWir freuen uns schon riesig auf die Premiere im UT-Connewitz Kino zu Leipzig. Kannst du schon ein paar Details verraten, was erwartet einen am 7. September zur Premiere genau vor Ort?

Wir zeigen den Film am 7.9. im Kreise der Vision-Bakery-Unterstützer, zwei Tage zuvor sehen alle Protagonisten, die Distillery-Crew und viele Helfer den Film zum ersten Mal. Los geht’s ja am Samstag schon um 18:30 Uhr mit dem Film im UT, im Anschluss werden wir gern Fragen der Zuschauer beantworten, falls es welche gibt. Relativ rasch würden wir dann gern mit allen Gästen auf die Demonstration vor der Distillery gehen, die ebenfalls an diesem Tag stattfindet. Dort demonstriert die Distillery gegen die drohende Schließung, es legen DJs auf, es gibt noch mal ein paar Filmausschnitte zu sehen und am Abend geht die Party im Club weiter. DJs wie Pascal FEOS, Daniel Stefanik, Gunjah und Liveacts wie Juno6, Chris Manura feat. Delhia de France runden den Abend ab. Wir würden uns freuen, wenn alle Filmzuschauer dann noch dabei sind und mit uns das Tanzbein schwingen. ☺

Zum Abschluß stellten wir Daniel Stefanik noch die Frage, welche sind die 10 Top Klassiker Ravetracks aus der Distillery?

01. Laurent Garnier – Man With The Red Face
02. Beanfield – Tides (Carl Craig Remix)
03. IF – Space Invaders Are Smoking Grass
04. Jeff Mills – The Bells
05. Luciano – Yamoré Remix
06. Moby – Go
07. Speedy J – Pannik
08. Marshall Jefferson – Move Your Body
09. Ricardo Villalobos – Easy Lee
10. Anne Clark – Our Darkness

Wir bedanken uns für das Interview und viel Erfolg mit dem Film.

An diesen Orten könnt ihr die Dokumentation sehen:
UT CONNEWITZ, Leipzig
08.09.2013
09.09.2013
10.09.2013
PRAGER FRÜHLING, Leipzig
15.09.2013
KASSABLANCA, Jena
30.10.2013
SCHILLERHOF, Jena
31.10.2013

Die Dokumentation „Willkommen zu Hause“ beinhaltet zudem exklusive Interviews u.a. mit Daniel Stefanik, Mathias Kaden, Matthias Tanzmann, Robag Wruhme, Pascal FEOS, Chris Liebing u.vm.

Mehr Informationen zur DVD und Hintergünden unter www.tilledoku.de
Wenn Ihr mehr über die „Tille“ & das wöchentliche Clubprogramm wissen wollt, dann checkt www.distillery.de

3 Kommentare bisher

Kommentar hinzufügen
  1. […] Sonntag premiert der Dokumentarfilm über 20 Jahre Distillery im UT [weitere Termine: 08.09., 09.09., 10.09. UT; 15.09. Prager Frühling; 30.10. KASSABLANCA] if […]

  2. […] rave strikes back) Share? Go! Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Uncategorized von Micha. […]

  3. eigentlich waren depeche mode 2 oder 3 mal in der distillery zu gast. auch noch anfang der 2000er jahre.