2015
19.07

Sandra Leidecker ist in den 80ern geboren. In Detroit kam dort zeitgleich Mitte der 80er Jahre die elektronische Musikwurzel namens Detroit Techno so richtig „in Schwung“. Diese Form des Techno greift auf Elemente der Funk-, der Electro-Funk- und der House-Musik zurück, orientiert sich allerdings auch stark an europäischen Stilrichtungen wie Electro Pop, EBM oder Industrial. Diese Musik sollte für die Illustratorin ein prägender Einfluß werden. Ein Buchprojekt namens „Geektown Detroit“ sowie ein Blog mit vielen Infos sind mittlerweile daraus entstanden. Ich traf Sandra an einem „bewölkten“ Tag in Weimar und wir redeten über ihre Inspiration und Hintergründe zum Buch „Geektown Detroit“.

Schön das du Zeit hast, erzähl doch mal etwas über dich?
In Weimar habe ich 2007 mit dem Studium der Visuellen Kommunikation an der Bauhaus Universität begonnen. Inspiriert hat mich dort das Medium Buch und Grafik im Musikbereich. 2011 habe ich dann ein Semester „Illustrationskurs mit Siebdruck und Etching“ am Milwaukee Institute of Art and Design belegt. Dort habe ich eine Vorliebe für stilistisch monochrome Strukturen und Texturen entwickelt, was die Basis meiner daraus folgenden Arbeiten bildete.

Wie ist bei dir persönlich im Zuge dessen, die Verbindung zur Musik entstanden?
Na, mit 14 habe ich von meinem Bruder die ersten Metal und Hiphop Alben bekommen. 2007 ist dann das Interesse für elektronische Musik in Weimar entfacht wurden. Wichtig zu erwähnen ist hierbei, das DJ Marlow mir das Interesse für Detroit näherbrachte. Theo Parrish und Moodyman waren die ersten Entdeckungen. Ich habe dann selber Platten gekauft, Plattenläden wurden zum Impulsgeber, sich mehr mit dem Medium zu beschäftigen. Wenn man dann alleine im Plattenladen vor Regalen steht, fragt man sich: „Mensch ich kenn so wenig, selber ist mann wie erschlagen vom Angebot“. Recherche und die Liebe zur Musik gingen dann Hand in Hand zur Grafik über und beide Pole inspirierten mich zunehmend.

Wie ist daraus die Idee zum Buch „Geektown Detroit“ gereift?
2011 hatte ich die erste Ideen für das Buch in meinem Kopf, zeitgleich mit dem Anmelden meines Diploms an der Bauhaus Uni. 2012 habe ich schnurstracks einen Blog angelegt – Geektown Detroit – der Name ist ursprünglich aus der wöchentlichen Danceshow The Scene entnommen. Nat Morris sagte damals: „Let’s change the name of the town from Motown to Geektown.“ Mein Blog sollte dabei den Fokus auf Detroit und die Roots von Techno abbilden, darüberhinaus auch als maßgebliche Hilfe, Informationsquelle und Archiv für meine Diplomarbeit dienen. Frühe grafische Skizzen postete ich. Man konnte darin schon die Protagonisten der Szene erkennen (Juan Atkins, Derrick May, Kevin Saunderson, Ken Collier, Jeff Mills). Das Buch „American Ruins“ über fast schon ausgestorbene Städte von Camilo José Vergara inspirierte mich auf meine Sichtweise von Detroit. Zu guter Letzt fuhr ich dann auch 2014 selber nach Detroit.

Was war dein erster Eindruck von dieser Stadt?
Ich kam am Busbahnhof an und fuhr dann mit dem Auto durch die Stadt. Es war gewaltig. Ich habe durch meine Recherchen zuvor sehr viel wiedererkannt und der schönste Moment ergab sich zum Movement Festival als Mike Huckaby auf mich zukam und meinte „Welcome home!“. Nach 2 Monaten Alltag und Leben im Stadtteil West Village habe ich eine eigene Sichtweise entwickelt. Clubs, die um 2 Uhr nachts Zapfenstreich machen und alles ist sehr regelmentiert was das Nachtleben betrifft.

Zurück zum Buch, ich bin begeistert wie detailiert die Grafiken sind und nur auf wenige Farben reduziert. Beschreibe doch mal die darin verwendeten Illustrationstechniken?
Handzeichnungen sind die Basis all meiner Arbeiten, Texturen und Muster füge ich im Photoshop nachträglich hinzu. Mit dem Grafiktablet bearbeitete ich dann das Ausgangsmaterial bzw. scanne noch Motive ein. Ich verwende ganz oft Linoldruckfarbe, welche dann auf eine Glasplatte übertragen wird. Meine Zeichenutensilien sind ein schwarzer Gel Pen für Linienzeichnungen, ein dickflüssiger Kuli, schwarzer Filzstift und ein Brush Pen.

Wenn man das Buch durchblättert folgt das Buch einen roten Faden. Kannst du uns kurz etwas zum Aufbau und Inhalt erzählen?
Meine Intention war künstlerisch mich mit Detroit und seinen Protagonisten auseinanderzusetzen. Einflüße bildeten den Inhalt wie z.B. wie wichtig war die Plattenladenkultur, welche Geräte zur Musikproduktion wurden verwendet etc… Daraus sind dann 30 Illustrationen entstanden, parallel habe ich auch Interviews mit den DJs vor Ort in Detroit geführt. Wiederum daraus ergab sich ein informativer Text mit Stories über die Entstehung von Detroit Techno, die mir die Protagonisten der Szene z.T. auf emotionaler Ebene in den Interviews hinterließen.
Dazu muss ich auch noch erwähnen, das die Stadt auf mich einen bleibenden Eindruck im Kopf hinterließ. Unbeschreiblich, der Blick vom Hart Plaza auf die Gebäude von Dowtown Detroit. Das alles fand ich sehr markant und fand sich schließlich in meinen Illustrationen wieder. Speziell Detroit Techno kann man jetzt eher historisch betrachten, weniger zukunftorientiert. Aus diesem Grund wollte ich keine futuristischen Illustrationen malen, sondern eher den analogen Touch über die Grafik vermitteln. Wärme durch die Haptik des Papier erzeugen und den Einsatz von warmen Farbtönen.

Wie bist du letzendlich an die Protagonisten rangekommen? Es ist ja sonst sehr schwer, in Kontakt mit den „großen“ Namen zu kommen.
Viel lief über Marlows Kontakte, ich zudem habe einige Leute via E-Mails angeschrieben und Empfehlungen über andere bekommen. Besonders wertvoll war der Kontakt zu Mike Huckaby, er antwortete prombt auf meine Anfrage und wir trafen uns im Frühjahr/Sommer 2013 in Berlin. Über ihn bekam ich viele Connections zu den Hauptprotagonisten der Szene. Als Gesprächseinstieg sendete ich immer meine bisherigen Illustrationen und den Link zum Blog.
KyleHall

Kyle Hall zum Beispiel, hatte mir vorgeschlagen, morgens früh um 7 das Interview zu führen. Er meinte „…seinen Shit möchte er früh getan haben, deswegen steht er so früh auf.“ Wichtig ist auch, Kevin Reynolds zu erwähnen, er kennt Hinz und Kunz, und absolvierte ein Praktikum bei Transmat. Durch ihn kam ich an weitere Protagonisten heran. Allerdings war an Jeff Mills und Juan Atkins sehr schwer ranzukommen.

Stichwort Interview, wie und aus welchen Themen wurden die Fragen zusammengesetzt?
Alle von mir gezeichneten Personen hatten die gleichen Vorraussetzungen. Sie erwähnten ihre musikalische Inspiration, Einflüße kamen zu Wort, z.B. wie wichtig war die Plattenladenkultur, wie hoch der Einfluß von Chicago/New York …
Eine kleine Anekdote aus dem Jahr 2013 habe ich da: Theo Parrish legte im Festsaal Kreuzberg auf, ich setzte mich in’s Auto, hatte dabei die längste Fahrt nach Berlin – Stau an allen Ecken. Als ich ankam, war er nicht mehr ansprechbar und legte schon auf. Also sendete ich ihm meine Fragen per Mail, lange kam nix… dann endlich eine Antwort, er würde meine Fragen beantworten unter einer Bedingung: Fragen über rassistische Spannungen im House/Technokontext sollten auftauchen, z.B. wie schwer es schwarze Jugendliche in der Gesellschaft haben, akzeptiert zu werden. Er hatte dazu eine sehr kritische Sichtweise – kurzerhand habe ich die Fragen mit aufgenommen und dem Thema eine Beachtung gegeben. Ich habe zudem mein Interviewkonzept komplett verworfen und es komplett aus dem Bauch herausgeführt.

Gab es zu der Zeit ähnliche Projekte, welche sich thematisch und grafisch mit Detroit beschäftigten?
Nein eigentlich noch nicht, es ist etwas spezielles über die illustrative Ebene dieses Thema zu beleuchten. In grafischer Hinsicht gab es eher Tendenzen in Richtung Photoshopgrafiken und Bildeffekten und nur wenige Illustrationen – was für mich ein Vorteil mit diesen Projekt war. Ich bekam irgendwann das Buch localizer aus dem Gestalten Verlag in die Hände. Mensch, wenn ich mir das heute so anschaue, war das alles ganz schön bunt und spacig.
Parallele Tendenzen im Bereich Illustrationen gab es aber auch z.T. in den Anfängen von Techno. Comichafte Stile und Afrofuturismus. Man kann dahingehend auf Abdul Qadim Haqq aus Detroit verweisen, der u.a. für die UR Cover maßgeblich zuständig war.

Du meintest, es gibt derzeit nur 12 Buchexemplare in gedruckter Form. Besteht die Chance das Buch demnächst über einen Publisher käuflich zu erwerben?
Durch zahlreiche Nachfragen gibt es immer mal Gespräche darüber, für die nächste Version die Inhalte interessanter zu gestalten. Das Netzwerk wächst stetig. Finn Johannsen, Marcel Vogel, Sasse, Ian Pooley, Guy McCreery (Third ear) und einige andere würden das Buch gerne in ihren Händen halten, aber dazu muss sich natürlich erst ein Verleger finden.

MetroTimesBist du noch in anderen Medien mit deinen Arbeiten zu „Geektown Detroit“ erschienen?
Man findet Artikel über die Arbeit an dem Buch in einigen Online Magazinen, in einem Culture Mag aus Detroit namens Detroit Metro Times sowie im Model D.

Eine Reporterin fragte einmal Jeff Mills, wie die Erde in ein paar tausend, zehntausend Jahren aussähe. Was hast du für die Zukunft geplant?
Nach meinem Detroit-Trip habe ich noch ungefähr 10 Stunden aufgenommenes Interview Material, welches ich transkripieren und aufarbeiten muss. Interviews mit Cornelius Harris (Labelmanager UR), Waajeed, Kyle Hall, Kevin Reynolds, Gary Romalis, Walter Wasacz sind dabei. Desweiteren gibt es Überlegungen, eine Schallplatte zum Buch zu veröffentlichen. Vorteilhaft ist, das das jetzige Buchformat im 10inch Format angelegt ist, daher doch recht passend und praktisch. Nicht zu vergessen, das primäre Ziel ist natürlich erst einmal das Buch für alle zu veröffentlichen.

Danke Sandra für deine Zeit und viel Erfolg mit dem Buch!

Weitere Informationen über ihre Arbeiten und
das „Geektown Detroit“ Projekt findet Ihr unter:
geektowndetroit.tumblr.com
sandraleidecker.tumblr.com

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