2010
11.01

Mein Leben auf dem Ravekarusell
Datum: 15.07.1995 · DJ: Taucher, Perplexer, Sven U.K., Ravers Nature…

Zacharias RavestoryMein knackigstes Rave-Erlebnis kann ich gar nicht so genau auf einen bestimmten Abend festlegen: Sicher waren Cosmic Baby auf der Time Warp X, Jeff Mills im Kassa, Underworld auf der SMS, das Kraftwerk Konzert in der Jahrhunderthalle in Frankfurt 2003, Dj Pierre im Stammheim, Surgeon im Tresor oder Marco Carola im Amnesia wegweisend für den Moment, aber in den letzten 12 Jahren meines bezaubernden Raverlebens ist so ein unglaubliches Sammelsurium an Abstrusitäten des Nachtlebens zusammengekommen, das das Leben im Rave DAS tollste Erlebnis zu sein scheint.

Zacharias Ravestory 2Tanzen mit Superman am Bora Bora Beach, ein Deejay in einem Club in Spanien der die Wunschliste seiner Gäste in der Reihenfolge spielte wie sie auf dem Zettel standen, der „Alle feiern, keiner feiert“- Mann mit Schaum vorm Mund, das freundliche Crystalmädchen das mir auf meine Schuhe brach, Männer denen ich was schnelles verkaufen sollte, ein Waschbecken randvoll mit Erbrochenem, Keramikhochtöner bei Laurent Garnier die das Trommelfell in kleine Fetzen schnitten, unartige Mädchen, Florian Silbereisen im TV als Muna-Warmup, Clubs so groß wie ein Schuhkarton, Clubs so groß, so kalt und so dekoriert wie eine Wartehalle am Flughafen (Space Ibiza), ein Red Bull für 11,00 DM (Skandal!), Türstehermutanten, Sonnenuntergang am Cafe del Mar oder mit 7 Leuten im Citroén AX auf der ungarischen Landstraße in den Club (drei vorn, drei hinten und Stefan im Kofferraum mit dem Kopf auf der Bassbox). Dinge also, die es bis heute vermögen, mir ein herzliches Grinsen auf mein gar altes Antlitz zu zaubern. Ähnlich wie die Erinnerung an mein erstes großes Stück persönlich erlebte elektronische Musikgeschichte:

Zacharias Ravestory 3Mein erster Rave war wohl schon ein wenig anders als man sich einen Rave heute so vorstellt, obwohl das Line-up mit Perplexer, Ravers Nature, Taucher und Konsorten beste Abfahrt für die damalige Zeit versprach. Man war also 14 Jahre alt, hatte sich mit Pash-Rave-Utensil eingekleidet und stand zum angegebenen Einlasszeitpunkt (nämlich schlag 14.00 Uhr nachmittags) vor dem natürlich noch verschlossenen Tore unseres heimischen Freibades. Mit Angst vor Abweisung durch das gelangweilte Pfortenpersonal und großer Lust auf Rave- und Badespaß (auf dem Flyer stand extra „Mit Badebetrieb“) wurde uns lächelnd Einlaß gewährt. Die 20 DM für die Eintrittskarte schienen mir völlig gerechtfertigt. Denn ich war jung und ich mochte das Raven. Und so stand ich am späteren Abend nach ausgiebigem Tanz zu auffallend peinlich kostümierten Dj’s, musikalisch schwer bedenklichen Vollplayback-Live-Acts und mehreren Dosen Energy Drink unter dem sternenklaren Sommerhimmel auf dem Dreimeterbrett des Freibades meiner schönen Heimatstadt, sprang hinab und tauchte zu „You gotta say yes to another Excess“ in neue Welten der elektronischen Musik ein.

Zacharias Ravestory 4Es galt: je später der Abend desto „Underground“ wurde die Musik, aus „Jam and Spoon Hands on Yellow“ wurde „Josh Wink“ und aus „Genlog“ wurden die ersten Erfurter Releases von „Marco Polo“ auf „Pure Vinyl“ und so erfuhr ich an jenem Abend das es auch sehr interessante Musik jenseits der 160Bpm gibt, die keiner im Radio oder TV spielen wollte. Im Fortschreiten des körperlichen und geistigen Reifeprozesses entdeckt man dann weiterhin, dass viele Lieder unanständig schlecht sind und mancher Produzent lieber Schweinehirt geworden wäre.

Zacharias Ravestory 3Somit kann ich dem guten alten Rave nun hier einmal Danke dafür sagen, das er mich anderer Musik gegenüber geöffnet hat und mich losgelassen hat, damit ich seine musikalischen Freunde kennenlernen konnte, und deren Verwandte und Bekannte. Und ich lerne bis heute immer noch gern neue „Freunde“ kennen…

Kein Kommentar bisher

Kommentar hinzufügen