12.01
Charity Rave (Niederpöllnitz/D)
Datum: 23.06.1993 · DJ: Jana Clemen, Philip & Joshua
Während sich Gleichaltrige unter groben Bettdecken selbst entdeckten und ihre Pubertät auf der Schulbank auslebten schloss ich mich einer Randgruppe an, um mit all den neu entdeckten Dingen klar zu kommen. Das Leben als Randgruppenmember ermöglichte mir damals gewisse Freiheiten und Privilegien, so konnte ich hemmungslos jeden spöttisch anschauen und mit Gesichtsgymnastik deklassieren der sich nicht auf meiner Seite befand denn ich war so zu sagen „Untouchable“.Jene neue, und wahrscheinlich letzte, Jugendkultur machte mich über Nacht zum jungen Mann. Ich brauchte kein stundenlanges Gerede mit ständig kichernden Wesen, die einem permanent die im Sport BH gehüteten und am Oberkörper wachsenden Quarktaschen präsentierten. Das einzige was ich im zarten Alter von gerade mal vierzehn Jahren brauchte, war die Samstagnacht, eine Nebelmaschine, ein Stroboskop und einen Beat (es konnten aber auch ruhig zwei sein). So schmiss ich mich also mit meiner eitrig pubertierenden Haut mitten ins pralle Leben und wurde zum Raver.
Ja, ich weiß… heutzutage zaubert einem das Wörtchen Raver eher ein fades Lächeln als eins stolzes Mitgefühl aufs Gesicht, doch damals, als selbst die Zukunft noch nicht ganz so düster schien wie sie heute ist, war es ein gesellschaftlicher Rittersschlag sich jenem bunten Völkchen der Raver zugehörig zu fühlen. Und so besuchte man in strengstens selektierter Gemeinschaft am Wochenende die Technospelunken der Region und scheute sich auch nicht vor abenteuerlichen Reisen in weit entfernte und spiritbehaftete Keller und Bunker im Niemandsland der Musikkultur. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen (diesen Satz wollte ich schon immer mal benutzen)… wie ich mit einer Plastiktüte in der Hand (Inhalt: Staubschutzanzug, weiße Handschuhe, und die Telefonnummer unserer „Abholperson“) pünktlich um 18 Uhr vor dem noch lange nicht geöffnetem Areal meiner ersten Technoparty stand, die damals noch unbedarft RAVE genannt wurde.
Es war der 23.06.1993 und die Sonne schien mir auf mein bunt gefärbtes Haar und auf meine mannigfarbige Hose, während die noch mit dem Aufbau beschäftigten Open-Air Veranstalter, ungläubige Blicke in unsere Richtung schmissen, so das ich mich ein wenig fühlte wie beim ersten FKK Besuch, peinlich berührt aber auch irgendwie geil. Nachdem wir also bis 22 Uhr gewartet hatten wurden wir mit einem freundlichen Willkommensgruß der Kassenbelegschaft in die Ravergemeinschaft aufgenommen: “Hat Mutti euch noch Schnittchen geschmiert oder hast du etwa einen Schutzanzug in deiner Tüte?“. Für einen kurzen Moment waren die Lacher auf ihrer Seite, doch schon damals war ich unheimlich schlagfertig und stotterte mutig und unverständlich drauflos um ja nicht zu geben zu müssen das wir tatsächlich Schutzanzüge mit uns führten (es ist sicher nicht notwendig zu erwähnen das wir selbige an diesem Abend nicht getragen haben!). So standen wir also staunend glotzend auf unserem ersten Rave und verloren uns im Nebel erzeugt von Gefühlen und Maschinen.
Meine bis dato gesammelte Tanzveranstaltungserfahrungen bestanden aus den Erlebnissen in der Jugendclubsdisco „CM“ und den Wettkämpfen meines turniertanzenden Bruders, also eine Mischung aus spontaner Gewalt und unterdrückter Geschlechtszugehörigkeit. Doch die Erlebnisse jenen Abends wischten all die erlebten Erniedrigungen und Enttäuschungenen von dannen. Mir offenbarte sich ein völlig neues Zusammengehörigkeitsgefühl. Freudestrahlend lächelte man einander an und nickte sich allwissend zu wenn sich der nächste Track anbahnte. Das Unglaublichste meiner ersten Ravenacht war jedoch wie ich einem auf dem Boden herumsitzenden Rave-Kollegen auf den Hoden trat. Nichts ahnend musste ich wohl schon mehrere Minuten zwischen seinen auf den Boden liegenden Beinen mit geschlossenen Augen herumgetanzt haben, bevor ich mich dann schließlich versehentlich auf seine haarigen Auswülstungen stellte. Dies wäre im normalen Diskothekenbetrieb ein sicheres Todesurteil gewesen, doch der frisch Kastrierte lächelte mich äußerst ruhig an und gab mir mit einem durch die Fingerstellung versinnbildlichten Peacezeichen zu verstehen, das er keineswegs die Absicht hege, mir im Takte der roländischen 808 Bauchnabel, Blindarm und andere lebenswichtigen Organe zu entfernen. Was war ich beeindruckt! Damals dachte ich, naiv wie ich nun einmal war, Techno macht friedlich doch heute glaube ich zu wissen das man damals Pillen auch zu anderen Anlässen als zur reinen Kopschmerzbeseitigung einnahm.
Mario Willms aka Douglas Greed stellte uns auch das Tondokument “Über die Raves damals” zur Verfügung. Eine Freestyle Session, aufgenommen in einer Rotwein durchtränkten Nacht mit Kollege Christian Rottler:


Haha, die Geschichte ist ja schon gut, aber das Lied ist der Hammer :)
aaah, die seite ist fertig. sieht klasse aus!