2010
06.02

“The place is immer here, the time is immer now”
Irgendwann 2004

Phonos RavestoryIch möchte nicht eingehen auf die Initialzündungen wie die erste eigene illegale Party in Gera in der mittlerweile abgerissenen Bettelburg, die nach nur 30 min von der Polizei beräumt wurde, nicht auf die regelmäßigen eigenen LaLuna-Wiesenpartys bei Gera, nicht auf den spektakulären Charity Rave in Niederpöllnitz, nicht auf die erste eigene Loveparade auf’m Kudamm, auch nicht auf das erste Mal auf’m Muna/Kassablanca-Wagen auf einer der späteren Love Parades, auch nicht auf den ersten Besuch im gigantischen E-Werk Berlin oder die erste Mayday in Dortmund oder das erste Mal auf dem SonneMondSterne-Festival, nicht auf den ersten Besuch in der alten Distillery Leipzig, der mit dem Gefühl „Endzeit und absolute Freiheit“ verbunden war, auch nicht auf die regelmäßigen Nächte in der Basis und im Boing, zwei frühen Leipziger Technoclubs, auch nicht auf die THINK! Raves in Leipzig (wir sind damals zu fünft von Gera aus im Trabi da hin gefahren und hatten Kaffeepulver zum Fithalten mit).

Ich möchte auf eine viel spätere Geschichte eingehen, die mir zeigte, dass so was auch zehn Jahre später möglich war und sicher auch nach weiteren zehn Jahren noch gehen kann, wenn die richtigen Leute am richtigen Fleck zusammenkommen. Es war 2004, und während dieser Zeit wohnte ich direkt über der alten Superkronik, einem Club mit Galerie in Leipzig-Plagwitz. Nach einem Abend dort mit Musik und Tanz sind wir gegen 0:00, suchend nach einer weiteren Möglichkeit, den Abend auszukosten, aufgrund von Mundpropaganda in die Leipziger Innenstadt gefahren, denn dort sollte eine illegale Party direkt gegenüber vom Rathaus unter dem Leuschnerplatz stattfinden, in der absoluten City von Leipzig, unangemeldet, unterirdisch, also komplett draußen… klang spannend!

Phonos RavestoryDas waren früher mehretagige unterirdische Lager eines riesigen Kaufhauses, seit dem zweiten Weltkrieg leer stehend und jährlich überschwemmt durch die Frühjahrsniederschläge, komplett Beton, riesige 3 m hohe Hallen mit ca. einem halben Meter dicken Dreckkrusten in jeder Kante, Tropfsteinen von der Decke und von außen zugemauert. Wohl drei oder vier Etagen in die Tiefe. Okay, wir kamen dort an, obendrauf ist ein Parkplatz, und zwischen Büschen geht eine alte Treppe mit verschnörkeltem Eisengeländer 2 m nach unten bis an eine Steinwand, die vor die frühere Tür gemauert war. Die Mauer war aufgemeißelt, gerade eine Person passte da durch, und wir zwängten uns da rein, an der provisorischen Kasse vorbei, und drinne war einfach die Welt zu Ende, und wir befanden uns auf einem anderen Planeten, hart, dreckig, laut, voll. Da war nicht sauber gemacht, das war alles original und brachial, überall quadratische Gänge ins Schwarze, drei Floors mit separaten Anlagen und DJs, alles nur über Teelicht und Strobo beleuchtet, an der Bar gab’s Apfelsaft und Wodka, und insgesamt waren da wohl 800 Leute drin, vorsichtig geschätzt. Erstaunlich für viele sicherlich: Es gab keinerlei Notbeleuchtung, Wegweiser, Absperrungen an Schächten, die senkrecht nach unten führten, keine Ordner etc. etc. – und genau deshalb war die Atmosphäre – von einigen 100% zugepeilten Nichtsmerkern abgesehen – sehr sozial, warm, euphorisch und ekstatisch, der Moment war unglaublich real und direkt, die Decke tropfte von Schweiß – jeder war uneingeschränkter Herr über sich selbst. Gegen 1:00 war Stromausfall. Völlige Dunkelheit. Kein Teelicht flackerte mehr – schon seit Stunden nicht. Ein weiteres dankbar angenommenes Ereignis – keine Panik, nur Gelassenheit und Heiterkeit, gefühlte 10 Minuten lang. Solcherlei Stimmung hatte ich fast zehn Jahre so nicht erlebt, und doch war alles so selbstverständlich. Keine Kontrollen – und sofort war klar: Hier kümmert sich jeder um sich! Jeder muss aufpassen, alle sind gefragt, und alle haben Spaß. Und die Musik bewegte sich zwischen Techno und Hardcoretechno, gespickt von Breaks und Acid. Eine Nullung der Emotionen, danke noch mal an die Crew von damals!

Gegen 9:00 war Schluss, wir verließen die Schächte und traten ans Tageslicht, wo 50 m vor uns eine Straßenbahn friedlich in den grauen Morgen rollte – die Realität war zurück. Die Anlagen wurden Box für Box durch die Öffnung gekantet, die Leute verließen das Areal und verstreuten sich. Einen Steinwurf entfernt stand das Rathaus – und niemand hatte uns gestört. Seltsam… sehr schön, und ich bin auch sehr dankbar für diese Nacht, aber trotzdem seltsam…

1 Kommentar bisher

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  1. ich danke dir für das lob