2020
10.17

Unser langjähriger Begleiter Nicola Candelaria lieferte uns einen Mix mit 90 Minuten Länge. Eine Gesamtaufnahmezeit, die in den good old Rave-days in der Regel eine Kassette an Aufnahmekapazität hatte, bevor es Mp3 und beschreibbare CDs gab. Insoweit auch hier eine kleine Hommage an dieses Speichermedium, das gerade nicht nur im elektronischen Musik-Buiz wieder entdeckt wird, sondern genreübergreifend ist.

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In den letzten Jahren habe ich immer wieder in der Musikpresse gelesen:
„Rave ist zurück“ und „DJs entdecken den Rave-Sound der 90er Jahre wieder“.

Doch was ist RAVE eigentlich?

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Schaut man sich mal die Top 10-Rave-Tracks einiger DJs an, so findet man da 90er Jahre Techno-Klassiker wie Cherry Moon Trax – The House of House, Joey Beltram – Energy Flash oder Outlander – Vamp über House-Klassiker wie St. Germain – What’s New, gleich neben Punk Dead Kennedys – Too Drunk Too Fuck oder Indi-Rock-Urgestein Joy Division – Love Will Tear Us Apart. Einen einheitlichen Sound kann man da auf den ersten Blick nicht entdecken. Allein der englische Begriff „rave“, der mit den deutschen Verben „rasen“, „toben“ oder „schwärmen“ übersetzt werden kann, lässt eher die Assoziation auf einen Tanzstil zu, als auf einen bestimmten Musikstil.

Vielleicht ist es hier, wie so oft in der Musikgeschichte, dass die Namensgebung stark mit einem bestimmten Ort oder einer Person zusammenhängt. Paradebeispiel dafür sind Clubs wie Loft, Paradise Garage oder Gallery, die maßgeblich den Disco-Sound der 70er Jahre geprägt haben oder das Warehouse in Chicago, das Namensgeber für den House-Sound in den 80er Jahren war. Und so muss es auch in Großbritannien gewesen sein. Gelangweilt von der depressiven Politik der Thatcher-Ära in in den späten 80er Jahren und den damit verbundenen schlechten wirtschaftlichen und sozialen Aussichten, suchte eine ganze Generation eine Zuflucht. Diese fand sie in einem gerade aus Chicago herüber schwappenden Sound namens Acid House. Auf einmal gab es unter diesen Namen illegale Parties in stillgelegten Fabrikgebäuden oder unter freiem Himmel. Eine der bekanntesten Open-Air Parties zu dieser Zeit war die an der gerade im Oktober 1986 fertiggestellten Bundesstraße M25 in der Nähe von London. Da diese Veranstaltungen ohne offizielle Genehmigung liefen, wurden sie oft von der Polizei aufgelöst. So kann man sich gut vorstellen, dass die Ordnungsbehörden, die zu diesen Schauplätzen kamen und mehrere hundert Leute zu einem ohrenbetäubenden Bass-lastigen Klang ihre Körper im Takt bewegten, sich gegenseitig ansahen und bestimmt gesagt haben „They musst be out of their minds! Look at them, look how they raving.“ Später ist daraus ein Synonym für derartige Parties geworden: RAVE.

Der stark 4/4-Takt-lastige Sound dieser Zeit in Verbindung mit der aufkommenden Party-Droge Ecstasy ließ in den Kids ein neues Lebensgefühl entstehen, ähnlich wie es ein paar Jahre später den Jugendlichen aus der ehemaligen DDR nach dem Fall der Mauer in Ost-Berlin ergehen sollte.

Der Sound war stark vom Chicagoer House-Sound beeinflusst und getrieben vom Rhythmus der Drummachine Roland TR-08 und den zwirbelnden Geräuschen der Roland TB-03. Dazu noch ein paar Piano-Hooklines und die Party lief. Doch wie man an den bereits erwähnten Top-10-Rave Hits sehen kann, kann es für jeden ein anderer Sound sein, der genau solche Gefühle auslöst und als Rave bezeichnet werden kann. Man kann also eher davon sprechen, dass der Sound eine Art Lebensgefühl oder Gefühle im Allgemeinen erzeugt oder widerspiegelt. Und das ist bekanntlich sehr individuell und subjektiv.

Für mich ist dieser Sound sehr stark mit Manchester und dem legendären Club Hacienda verbunden. DJs wie Graeme Park und Mike Pickering kombinierten Anfang der 90er Jahre Nacht für Nacht Acid House Platten mit 80‘s Electro, Pop und Broken Beats und formten bzw. etablierten einen ganz eigenen Sound. Die Summe dieser Mischung versuchten dann Produzenten in einzelnen Tracks zu reproduzieren: Altern-8 – E-Vapour-8, A Homeboy, A Hippie and A Funki Dredd – Total Confusion oder Liquid – Sweet Harmony.

Wie alles im Leben, ist auch die Musik nicht davor gefeit in Zyklen zu verlaufen und nach bestimmten Perioden immer wieder mal aufzutauchen. So ist es nicht verwunderlich, dass dieser Sound in den letzten Jahren wieder populärer geworden ist, sodass einstige Acid House-Haudegen wie Mark Archer oder Danny Rampling als DJ wieder entdeckt werden und junge Produzenten diesen Sound neu entwickeln.

Dieser Mix setzt sich genau mit dieser Neuinterpretation des „Rave“-Sounds der letzten Jahre auseinander. Es sind gerade solche jungen Produzenten wie Octo Octa und Eris Drew, die diesen Sound nicht nur als DJ zelebrieren, vielmehr auch selbst produzieren. Mit dem Titel Fever Dream der auf der More Times EP 2015 erschienen ist, wird für mich genau dieser Piano-lastige von der TR-08 untermalte Drumsound erzeugt. Auch Octo Octa‘s 2019 erschienene Album Resonant Body zeigt die ganze Bandbreite, was ich mit den gebrochenen Beats und natürlich Piano-Hooklines unter Rave-Sound verstehe. Genauso auch die Jungen Wilden aus Belfast Bicep, die mit ihrem 2015 erschienen Remix von Dyone’s „Only Love Can Set U Free“, für mich die spürbare Reinkarnation des UK Acid House Sound der späten 80er und frühen 90er Jahre sind. Der französische Produzent Raito findet gleich zweimal Platz auf dem Mix. Bei seinen Produktionen hört man ganz genau heraus, dass er ein ganz großer Rave-Fan dieser Ära ist. Seine Tracks haben so eine Kraft, dass man sich die tobende Menge geradezu bildlich vorstellen kann. Natürlich gibt es auch eine direkte Hommage an die alte Zeit. Im Intro hört man MC Ribbz, wie er gerade nach einer Polizeirazzia Anfang der 90er Jahre in einem illegalen Warehouse-Club in Plymouth über das Mikrofon versucht die Leute ruhig zu halten. Diese legendäre Aufnahme wurde dann von Special Request in seinem Titel Make it Real verarbeitet. So erinnert mich das 2020 erschienene „Lipswitch“ von Visceral Anatomy von der Art des Gesangs her, an Anne Clark’s Sleeper In Metropolis, was in den 90ern gerne und oft von DJ Foch und Mikk in Jena gespielt wurde. Insgesamt auf den Punkt bringt es für mich das 2019 erschienene Album Sunset Service von Locked Groove. Es verkörpert einfach die ganze Bandbreite, die ich als Rave Sound beschreiben würde und wüßte man nicht, dass die Tracks neueren Datums sind, so könnte man beim Anhören glauben, sie wären von ihrer Ästhetik mindestens 20 Jahre alt.

So gesehen ist Rave allgegenwärtig und erfreut sich starker Beliebtheit. Tot geglaubte leben bekanntlich länger. In diesem Sinne: RAVE STRIKES BACK!

Euer Nicola Candelaria
Radio Electronica

TRACKLIST:
01.          Intro: MC Ribbz @ The Warehouse, Plymouth
02.          Raito – Serum
03.          Locked Groove – Soma (Original Mix)
04.          Earth Trax – Squawk Box
05.          Distance Dancer – Brain Dance
06.          Liquid Earth – Lowrider
07.          Octo Octa – Fever Dream
08.          Eats Everything – Lickal rolla (original mix)
09.          Catz ’n Dogz – New Love
10.          Hertz – Recreate (Slam rework)
11.          Automation – Electricity
12.          Visceral Anatomy – Lipswitch
13.          Locked Groove – Out Of Orbit (Original Mix)
14.          Acemo – Life Takes You
15.          Wolfram feat. Yung Hurn & Egyptian Lover – Rein
16.          Roy Of The Ravers – It’s… The Roller!
17.          Raito – Summer of Love (Mani Festo Remix)
18.          Runout Groove – Bad Boy Bass (DJ Skye Remix)
19.          Daphni – Hey Drum
20.          Locked Groove feat. Nate Brown – Pudding (Original Mix)
21.          Kink feat. Rachel Row – To Love You (Vocal Mix)
22.          Moff & Tarkin – Powerplay
23.          Dyone – Only Love Can Set U Free (Bicep Remix)

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