2012
01.03

schicht logoIm Umfeld des damaligen SCH!CHT-Fanzine Dresden entdeckte man die Liebe zur Ambientmusik. Sören Hörig aka Tappo Kontakt hat exklusiv nochmal Resümee passieren lassen und gibt Einblicke, wie eine kleine Crew von Ambient „erfasst“ wurde.

Im Oktober 1994 öffnet ein neuer Club in Dresden: das „Sub“ in der Markthalle am Bahnhof Mitte. Wegen unseres steigenden Interesses an Ambient-Musik erhält die Crew des SCH!CHT-Fanzines über Communder D von Saxony Productions, der ebenfalls dort gebucht ist, eine Anfrage, im Chill-Out-Raum aufzulegen. Natürlich sagen wir sofort zu. Dieser Abend ist das Debüt und die Gründung des SCH!CHT CHILL OUT TEAM, bestehend aus Sven „Grace“ Haubold, Roland Ladwig und mir, Sören „Sonne“ Hörig. Grace hat ein paar Scheiben von Reflective Records und Astralwerks und Roland eine größere Sammlung passender Platten. Weil ich keine richtigen Ambient-Platten habe, spiele ich eben ein paar ruhigere Tracks meiner Platten, etwa den Northstar Remix von DJ Hell’s „Definition Of House“, „Late Night“ von Jeff Mills und eine Version der Golden Girls „Kinetic“ ohne Beats. Es macht uns auf Anhieb großen Spaß, Chillout DJ’s zu sein. Und ich brauch‘ dringend mehr Platten…

Unser nächster Einsatz findet am 28.01.1995 bei „Plastic Phreak“ in der Leipziger Straße in Dresden statt. Inzwischen führen unsere individuellen klanglichen Vorlieben zu einer gewissen „Arbeitsteilung“: Für melodischen Klangfelder – wir nennen sie „Flächen“ – sind Grace (eher spacig) and Roland (mehr in Richtung Dub) zuständig. Ich baue dann die Brücke zur nicht ganz so harmonischen dunklen Seite. Aber irgendwie mag doch jeder auch das, was der andere spielt. So geht die Reise von Spacetime Continuum über die Jumpin’ & Pumpin’ Sampler und Rising High zur „Mondlandung“ von MEGO.
Und das Publikum? Keely von der Rave Posse Freiberg schreibt in seinem Party Review – nachzulesen in unserer 20.Ausgabe: „… unser Ambient-Experte hat es bis in den Chill-Out geschafft und von dort konnte ihn nichts und niemand herausbewegen. Ein grosses Lob an das SCHICHT!-Team! Gemütliche Plätze, dezentes Licht, duftende Stäbchen und absolut-geniale Klänge…“ Ein bärtiger Thüringer in Jeans empfindet letzteres offenbar ganz anders und schlägt ernsthaft vor, mal was von den Stones zu spielen. In der Folgezeit wird „Spiel dor ma was von de Sdoons!“ unser beliebtester Running Gag bei Gigs.

Parallel spielt Ambient eine stärkere Rolle in dem Fanzine SCH!CHT. Wir kaufen und rezensieren Platten und bringen Interviews mit System 7, Mego Recordings, Spacetime Continuum, Drome, Dave Being und anderen.

Am 10. Juni spielen wir zusammen mit Binne aus Freital auf der letzten „Planar“-Party in der Erfurter Strasse. Der Chillout befindet sich vor dem Gebäude unter der – nur zu diesem Anlaß – weiß getünchten Fassade. Die Nacht ist sehr mild und das Auflegen unter freiem Himmel gibt unserer Musik eine ganz neue Dimension. So sind wir glücklich und traurig zugleich, dabeisein zu können.

Sonne aka Tappo KontaktÄhnlich glücklich sind wir bei unserem zweiten Plastic-Phreak-Gig bei “Sync II” am 23. Juni, wieder auf der Leipziger. Der Chill Out ist mit weißen Papierstreifen und Lichterketten verziert. Die Auflegereien in dem hölzernen Dachgeschoß dieser Baracke werden wir wohl in bester Erinnerung behalten.

Irgendwann im Juli ruft Major Tom bei uns an: Party in der Reicker Straße, Platten mitbringen. Mit meinem kleinen „Partyrover“, einem Trabant 601, fahren wir vor dem sechsstöckigen Industriegebäude vor. Durch seine Größe ist es nicht zu übersehen zwischen den eher niedrigen Gebäuden in der Umgebung und die Party steigt gaaanz oben. Äußerst unauffällig. Drinnen muß man über eine völlig zerstörte Treppe klettern. Mit reichlich Gepäck. Kaum angefangen, kamen auch schon die Bullen. „Schluß Kinners!“ Nicht wirklich unerwartet. Wir schnappen unsere Platten und flüchten zusammen mit dem Major zum Auto. Aber nach einigen Metern stoppen sie uns. Alles aussteigen, Ausweiskontrolle, Führerschein, Fahrzeugpapiere. Verhör: „Wieviele war’nd’n jetz da drinn in dem Trabbi?“ – „Keine Ahnung. Wir zählen doch nicht nach, wenn wir einsteigen.“ „Mein’ ja bloß, weil nur viere zugelassen sind. Is wischtsch. Was iss’n im Kofferrraum?“ Abgesehen vom Ersatzrad und meiner Werkzeugkiste ist der voller Plattenkisten. Der Wachtmeister schwafelt was von kompletter Disco-Ausstattung, findet aber letztlich nichts Verdächtiges (wir waren auch nur zu viert) und läßt uns fahren. Wir steuern die Villa an, wo Dezibel und Smiley auflegen. Als sich die Party dem Ende neigt und wir draußen stehen, kommt jemand mit ’nem VW-Bus, hält an und brüllt irgendwas von „geht vor’m Hardwax weiter“. Das haben wir aber sein gelassen.

In einem Militärladen kaufe ich einen US-Panzerhelm und bastle einen Chinch-Stecker an das Sprechfunkkabel, um ihn als Kopfhörer zum Auflegen zu nutzen. Vorn drauf steht in freundlichen silbernen Buchstaben geschrieben „BORN TO CHILL“.

Am 29. Juli feiert der Club AQUA in der Franz-Mehring-Str. 55, in Cottbus seinen dritten Geburtstag. Wir sind mit den Gebrüdern Mende von Saxony Productions eingeladen, für den entsprechenden Sound zu sorgen. Weil Hanne’s Freundin Dani einen hübschen Kuchen gebacken hatte, füttern uns die Cottbuser mit Steaks und Salat. Es war schön warm, im „Sandkasten“. Es lief House und Hanjo versuchte mit Eiswürfeln ’nen Verstärker zu kühlen – half aber nichts. Hat uns aber gut gefallen, unser erstes „Auswärtsspiel“. Zurück in Dresden erfahren wir an der Tankstelle aus der „Morgenpost“, dass nicht nur Steaks gegrillt wurden in dieser Nacht, sondern auch eine Großraumdiscothek. Daraufhin schreiben wir in SCH!CHT Nr. 23 in den „Newzzz“: „Nein, wir haben im Sachs nicht gezündelt. Wir waren in Cottbus. Ehrenwort, auch wenn wir’s gern gesehen hätten.“

Am 4. August startet im Dresdener “Base”, Tannenstraße (Panzerhof), ein Partymarathon. „Basemania“ läuft bis zum Morgen des 6.8. Das Lineup verspricht unter anderem Robert Armani und Juan Atkins. Aber keiner von beiden kommt wirklich. Wir beschallen am Freitag den Chillout. Dann kommt irgendwann eine „Kirsche“ (auch Tusse), vielleicht 15, fragt, ob jemand was rauchen möchte und auch gleich nach unseren DJ-Namen. „Wir sind von der Schicht.“ – „Schicht sagt jetzt aber nüschd. Willste was rauchen?“ – „Nee, danke.“ – „Wer seid ihr nochma?“ – „Schi-hicht!“ – „Willste was rauchen?“ fragt sie nochmal und grinst ihr gräsernstes Grinsen. Grace und ich finden, dass es jetzt Zeit für Jonah Sharp & Pete Namlooks „Wechselspannung“ ist. Ich meine zu Sven, dass diesem Track nichts aber auch rein gar nichts hinzuzufügen ist. Er findet das auch. Irgendwie hatte darauf der Verstärker seinen eigenen Taktgenerator abbekommen. Früh kamen dann Grace’s Freundin Conny mit Kaffee und Brötchen und Albi (bekannt als FM Scout) von der Nachtschicht. Der hatte seinen Synthie dabei und hat noch stundenlang mit Roland ‚rumgejammed.

timeless_jenaAm 16.09.1995 spielten wir zum ersten Mal auf einem großen Rave: TIMELESS „PHUTURE SHOCK“, Jena, in der ehemaligen russischen Garagenhalle 15. Das Ganze wurde veranstaltet von Thomas Sperling – auch „Spatz“ genannt, der schon viele schöne Dekos in die verschiedensten Locations gezaubert hat. Nebenan heizt DJ Rok den Leuten mächtig ein und auch wir haben viel Spaß mit den Leuten dort. Die „Wechselspannung“ ist natürlich auch dabei und so mancher offenbart sich beim Genuß derselben als Ambientliebhaber.

Eine andere Reise nach Thüringen – an das Datum kann ich mich nicht mehr erinnern – führt uns in den „Knast“, ein ehemaliges Gefängnis in Gräfentonna, das jetzt vom „Partyersatzamt“ okkupiert ist. Unsere Delegation umfaßt 3 Autos, unter anderem die REACTOR-Crew, die vorsichtshalber das vordere Nummernschild von ihrem A3 abgeschraubt haben. Ich bin Copilot in Major Tom’s Mitsubishi Colt, setze den Panzerhelm auf und wir erfreuen uns an den perplexen Gesichtern in den Autos, die wir überholen. Dort angekommen, empfängt uns erstmal eine bedrückende Knastatmosphäre. Links und rechts des Tores stecken unzählige Glassplitter oben in den Mauern. Der Chill Out ist ein breiter flacher Raum mit perfektem Equipment und bequemen Sesseln – auch für uns. Wir bedanken uns für solch perfekte Rahmenbedingungen mit einem perfekten Set unter Benutzung aller Regler des Numark-Mixers.
Traditionell ist inzwischen auf der Rückreise die morgendliche Einkehr beim McDonalds am Hermsdorfer Kreuz. Traditionell sind wir, vorsichtig formuliert, nicht die einzigen mit dieser Gepflogenheit, so dass das Personal stets sichtlich überfordert ist mit der plötzlichen Flut von durchgeknallten Gästen und der After Hour auf dem Parkplatz.

schicht chilloutIrgendwann im Herbst – auch hier weiß ich das Datum nicht mehr – kommt eine Einladung aus Riesa. Mit dem Trabant Partyrover drehen Grace und ich erstmal eine Pirouette auf den nassen Pflastersteinen des Terassenufers unter Dresdens weltbekannter Elbsilhouette, kommen aber am Ende sicher an. Die Party ist etwas außerhalb in einem Kulturhaus. Wir treffen Roland. Der Chillout ist eigentlich eine Tanzfläche. Neben Turntables und Mixer finden wir die Lichtsteuerung. So hat an diesem Abend eigentlich jeder von uns immer zu tun und wir steuern Licht und Ton abwechselnd. Als Grace „Deep Fridge“ from MEGO’s „Fridge Trax“ anlaufen läßt, gibt es nur ein einzelnes pulsierendes blaues Licht, um die Atmosphäre im Raum noch weiter abzukühlen. Born to chill.

Dann war da noch “Mindkick”, ein großes Event in Zusammenarbeit zwischen der REACTOR Crew, dem Club Object club und Agent Orange in der Strasse E in Dresden. Wir sollten mal wieder den Chillout übernemen und wurden gebeten, Plattenspieler und Mixer mitzubringen. Letzteres war kein Problem, nur die Technics habn wir uns, soweit ich mich erinnern kann, vom Hardwax ausgeliehen. Überraschung bei der Ankunft dann: Alles war schon da und einsatzbereit, plötzlich hatten wir 4 Turntables and 2 Mixer. Ich setzte mich nochmal schnell ins Auto und holte alle meine experimentellen Scheiben heran, wie Disinformations „Stargate“ und „Runaway Train“ auf Ash International, sowie ein Mikrofon. Es wurde eine sehr kurweilige und lustige Nacht, in der wir jede Menge schräge Sounds kreierten. Nach etwa 20 Minuten „Runaway Train“ kommt ein Typ und bittet mich, etwas spacigeres zu spielen, weil er will fliegen. Grace sendet „subtile Botschaften“ ins Publikum wie „Trinkt keine Coca-Cola“ oder „Esst viel mehr Käsetoast“. Nein, wir nehmen nix – wir sind so.

Im Juli 1996 eröffnete die „Nautilus“ in der Nordstraße 42 in Leipzig. Zwei ehemalige Distillery-Members hatten in einem Keller eine liebevoll detailierte Bar geschaffen, in der es tatsächlich wie in Käpitän Nemos U-Boot aussah. Genau die richtige Umgebung für uns! In der Folge legen wir dort 2x im Monat auf, entweder alle drei oder nur zu zweit. Da weniger die Erholung, als vielmehr Unterhaltung Funktion der Musik ist, halten mehr Rhythmus und neue Klänge Einzug in unsere Sets, von denen die besten dort entstehen.

Als Grace und Roland die Auflegerei aufgeben, entschließe ich mich, allein weiter zu machen. Aber die „Nautilus“ ist eine wunderbare Location an der falschen Stelle und so muß sie nach 2 Jahren schließen. Den blau angemalten Eingangsbereich auf der Rückseite des Hauses kann man immer noch erkennen.

Spätere Einzelaktivitäten/Kooperationen unter dem Namen „Tappo Kontakt“
(benannt nach einem Plattenspieler aus dem Buch „Sixties Design“)

> Cortex (Leipzig): „Musik für Plastikstühle“, „Musik für Erfrischungen“, „Mauerfall“ mit DJ Viertausendvier, 1998-2000
> Mix-CD für Zaha Hadid Lounge im Kunstmuseum Wolfsburg mit DJ Viertausendvier, 2001
> Toskana Therme (Bad Sulza): Liquid Sound mit DJ Flash Goerdten, 2001
> Aqua Lounge (Dresden), 27.07.2001
> Festspielhaus Hellerau (Dresden): Loungebeschallung beim Kolloquium [Raum-Stadt-Utopie:], 07.–09.06.2002
> Weinerei/Rakete (Nürnberg): mehrere Gigs, zwischen 2004 und 2006
> Cortex (Leipzig): (POP UP, Umrahmung der Live Acts Jage und FIAT, Mai 2006 sowie Gig am 29.12.2006)
> ColoRadio (Dresden): sch!cht.fm, 2006/2007

Auf der damaligen SCH!CHT-Webseite (1995, old HTML-Style) findet ihr noch die ein oder andere Plattenrezension und 90erPartydates. Sehr zu empfehlen ist die Rubrik „Interviews“ wo ein Eddie ‚Flashin‘ Fowlkes schon damals sagte: „Do not believe the hype. Don’t believe in it.“
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Zudem findet ihr auch die illegale Dresdner Partyreihe namens „SUBMERGET“ mit allen Infos beschrieben. Initialzündung war der Dresdner Besuch der Underground Ressistance DJ Assault Squad. Schaut wieviel Liebe in den Flyern steckt – alles selfmade!
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Schicht-Webscreen 1995

3 Kommentare bisher

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  1. ganz großer artikel!!!

  2. shout an alle dresdner! thx für die nachhilfe in der lokalgeschichte!!

  3. Herrrlisch!

    Man man man, waren das Zeiten. Bei einem Teil davon hab ich sogar mit gemacht. Verrücktes Ding! Der Artikel schickt mich direkt wieder in das Universum der 90er. Sehr schön!

    Gibt eigentlich heute noch Chill out Areas? Höchstens noch auf irgendwelchen Festivals, oder?