2010
12.01

Karneval der Verpeilten (Berlin/D)
Datum: erstes Septemberwochenende 2004 · DJ: Woody, Sven Dohse uvm.

Carlos RavestoryWenn du gefragt wirst, irgendetwas über deine beste Zeit auf dem Dancefloor auszuplaudern, stehen verdammt viele Möglichkeiten im Raum. Provinz, Big City Lights, Ausland. Whatever? Wenn man aber ehrlich mit sich ins Gericht zieht, wäre es die Alte Zuckerfabrik in Laucha, irgendwo hinter Freyburg, wer weiß noch wo. Authentischer habe ich mich nie, mit einer ins bodenlose abstürzende Allgemeinheit hingerichtet. Eine unglaubliche kopffreie Abwärtsspirale dominierte dort alles. Und genau das haben wir so oft gesucht. Konsensfähig sein für alles. Unpolitisch, unkritisch und über jeden Zweifel deines neuen kurzzeitigen Partyfreundes milde erhaben. „Das schaffen wir schon und nächsten Montag ruf ich dich auch gleich an“.

Carlos Ravestory 2Auch wenn solche Gigs verdammt viel prägende Zeit geklaut haben, ist der Speicher immer noch gut gefüllt mit Festen, die unglaublich prägend im positiven Sinne sind und waren. Eben solche Begattungen, von welchen man noch Tage zehren kann. Partys die dir Kraft geben und nicht einfach nur stupide abziehen. Ja genau. Der Karneval der Verpeilten, Berlin, erstes Septemberwochenende 2004. Wie ich meine, einer der letzten guten warmen Sommertage. Peter und irgendein Kumpel aus Dresden hingen Samstag Nacht im Watergate ab. Irgendwie unspannend alles. Selbst das Sommerlager davor ließ zu wünschen übrig. Also kurz nach der ersten Sonne ins Bett. Alles andere schien völlig sinn und drogenfrei. Dann war’s Sonntag Mittag, und irgendwas war da doch. Der zweimal durch geschwitzte und dreimal wieder getrocknete Flyer in den Jeans erklärte dann die gefühlt Aufbruchsstimmung. Handschriftlich und wie ich feststellen musste, auch noch mit Zahlendreher stand dieses polnische Mädchen Anfang dreißig mit der Nummer drauf. Schön, sinnlich, erregend, Agata. Irgendwann war dann die Nummer klar und eine Laden in der Kastanienallee sollte es sein. Ich war früh dran und stürzte mich über ein mieses drei Euro Buffet a la Hauptstadt. Widerlich. Die Stadt ist nicht pleite, sie ist nur total arm. Agata kam irgendwann schwankend zur Tür hinein. Ich weiß nicht ob sie mich erkannt hat oder das von mir versprochene polnische Fähnchen auf dem Tisch gefunden hat. Auf jeden Fall hat sie sich richtig geparkt und als sie Ihr Sonnenbrille kurz zur Koordination über den Nasenrücken schob, war mir klar das sie nicht pünktlich den Stecker gezogen hatte. Sie war total Online. Und ich kämpfe mit einem miesen Start Up aus pappigen Flakes und dem letzten Schinkenfetzen. Schwierige Kombi. Ok und wie weiter? – stand uns irgendwie auf die Stirn geschrieben. Sie sprach plötzlich vom Karneval der Verpeilten. Gleich oben am Planetarium Prenzlauer Berg. Ich glaube drei Minuten später waren wir auf dem Weg. Ich hatte mein Rad dabei und spürte meinen Kreislauf langsam bsacken. Deswegen haben wir dann auch ne gute Stunde bis dorthin investiert. Zwei Stopps mit Sekt auf Ice sollten es noch sein.

Carlos Ravestory 3Irgendwann standen wir dann auf dieser jungfreudigen Wiese, eine dicke PA und zwei wilde Bars. Geil minimal ok – und den praktischen Campingpavillon im schlichten weiß mit seinem 500 W Baustrahler darf ich nicht vergessen. Irgendwie orientierte ich mich erstmal zwischen den ganzen Leuten. Ok – unter den Bäumen saßen die Freaks die gerade irgendeinem Laden entstiegen waren. Gegenüber in der Sonne die frische Mannschaft. Gemeinsame Mitte und Spielfeld also sozusagen der Dancefloor. Ok – schnell an die Bar und noch mal den Kreislauf kitzeln. „Hay“ und da kommt auch schon Tim und Maja. Yes. Heimat. Geil. Gucci ins Gesicht und mitgemacht. Ne Kleine um einwenig aufzuholen. Kurz drauf ne Große um vorbei zu ziehen. Schick. Die Sonne flashed extrem und Tim macht die ab jetzt nicht mehr enden wollende Sektfront auf. Immer auf Ice und immer vorrätig. An der Bar ist dieser Typ mit Hut. Nenne ihn irgendwann Cowboy und er kommt mit dem Titel gut klar. Permanent verschwindet die Barmannschaft im Kugelcampinghänger und kommt tanzend wieder raus. Cowboy ist übrigens Danny von der Bar25. Cowboy halt. Agata ist irgendwie abhanden gekommen, oder war ich es. Egal wir sind unter Gleichen und jeder nimmt sich den Auslauf den er braucht. Irgendwie ist es jetzt gegen sechs und es werden einfach immer mehr. Ich fange an zu tanzen, nach dem ich mich absolut gradlinig durch die Front auf den Floor bewegt habe. Mittlerweile barfuss. Alle wollen etwas füllen.

Carlos Ravestory 4Seit mehreren Stunden muss jetzt schon dieses abgedrehte Jackson Cover mit Retro80erGefühl laufen. Wau. Mir sagt mehrmals etwas hallo. Am Horizont greifen feiernde Hände direkt in den Berliner Himmel ein. Wahnsinn. Nochmals sagt etwas hallo. Irgendwie funktioniert die Körpersprache auf dem Dancefloor wie von selbst. Alle 25 m² um mich herum kennen sich plötzlich. Gemeinsam – hatte das Ellen mit ihrer Tour gemeint? Die Sonne geht langsam. Agata ist auch wieder da. Immer noch wunderbar. Schöne Frau denke ich beim Anblick von Agata und lächle zu einer kleinen schwarzhaarigen Brasilianerin herüber. Der Input flashed und marschiert ungefiltert und unverdaut hinten wieder heraus. Plötzlich dreht Woody. War der nicht die Nacht noch im Uno? Krass. Gleich hin und nachgefragt. Hay Richie! Auch am Start? Unter dem beschriebenen formschönen weißen Gartenpavillion tümmelt sich jetzt so einiges. Hier gefällts mir. Maximales Rocken. Kein Leib steht still. Wir sind mitten drin. Vielleicht sind wir es auch in dieser Sekunde. Plötzlich scheint alles vieles klarer als sonst. Ein Käfig voller Narren. Der Himmel dämmert. Ich reibe mich an einem Mädchen mit roten Top. Wow, was für eine Gefühlsexplosion beim berühren ihres Po´s, ihrer Schenkel. Richie schaut fast traurig, dass er nicht legen darf. Ich glaube Sven Dohse ist jetzt dran. Plötzlich verstehe ich diese Berliner Nummer noch ein bisschen besser. Egal wo, egal mit was.

Carlos Ravestory 5Es dämmert. Irgendjemand haut den 500W Spot rein. Die einzigste Beleuchtung für 1000 Leute. Von Pult in die Masse. Volle Blendung. Ich bin immer noch Teil dieser Pavilliongang. Im Schattenspiel des Spots sehe ich süchtige Hände Arme Leiber Brüste. Alles fließt. Tausend Spezialisten, tausend mal ganz nah am Bass. Maja umarmt mich. Und sagt „Afterhour Bar25“. Das Spiel in der Hitze dieser Sommernacht geht noch eine halbe Stunde. Dann schließt der Sound. 22.01 Uhr. Demoschluss. Tim und Maja ziehen mich zu den Rädern. Kurz darauf sitze ich auf Tims Bike, spüre die Kühle des Windes und erlebe ein absolutes Körpergefühl. Immer Richtung Alex, Richtung Holzmarktstrasse. Als wir ankommen macht Sascha Funke die Decks warm. „When will I be famous?“ rufe ich zu Ihm. Kurz darauf trinken wir den ersten Jäger GEMEINSAM…

1 Kommentar bisher

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  1. Genialer Bericht! So muss das!…die Unspontanen Raves sind immer noch die geilsten.
    Gruß aus DDoof